Wiktor Wyschesławskij wurde am 13. Februar 1927 in Nikolajew ind der Ukraine
geboren. Er entstammte einer russischen Familie, war orthodoxen Glaubens und
arbeitete als Elektrotechniker. Nach deutscher Besetzung der Ukraine kam er als
Zwangsarbeiter nach Suhl.
Er wurde als Jugendlicher in Suhl verhaftet, weil er ausländische Radiosender
abgehört hatte – im NS-Staat ein politischer Vorwurf, der häufig zur sofortigen
Einweisung in ein Konzentrationslager führte. Nach seiner Festnahme kam er in das
KZ Buchenwald und erhielt dort die Häftlingsnummer 24 797. Bei seiner
Registrierung im Lager wurde er als schlank, 165 cm groß, mit dunklem Haar und
schmalem Gesicht beschrieben.
Am 27. November 1944 wurde er in das Außenlager S III / Ohrdruf überstellt und
dort unter der Häftlingsnummer 106 762 registriert. Er gehörte damit zu den
jüngsten Häftlingen, die in diesem Lager zur Zwangsarbeit herangezogen wurden.
Wiktor Wyschesławskij überlebte den Todesmarsch zurück nach Buchenwald.
Die nachfolgenden Erinnerungen stammen aus einer Rede von ihm anlässlich der Gedenkveranstaltung am
7. November 2004 in Espenfeld zum 60. Jahrestag des Baubeginns, Festgehalten von Klaus- Peter
Schambach:
„Im November 1944 wurde ich von Buchenwald nach Ohrdruf zum Kommando S III transportiert.
So hieß das Buchenwalder Außenkommando, in dem in fünf Monaten 3500 Menschen ums Leben
gebracht worden waren. In dieser Zeit mussten die Häftlinge in einem Berg ein großes
unterirdisches Werk errichten. Die Lebensbedingungen waren unmenschlich. Innerhalb von 5
Monaten konnten wir uns im Lager nicht waschen. Es gab kein Bad. Es wimmelte von Läusen, der
Typhus wütete. Kranke wurden in separate Blocks gebracht, in denen sie lediglich nackt auf dem
Stroh lagen und einen qualvollen Tod starben. Die Arbeiten wurden im Zeitraum von November bis
April unter schwersten, klimatischen Bedingungen in Thüringen vorangetrieben. Hungrige
Menschen mussten spärlich bekleidet und barfuß unter Stock- und Kolbenschlägen der SS-Leute
den steinigen Boden hacken. Wir mussten den ganzen Tag bis spät in den Abend pausenlos
arbeiten. Vom Lager bis zur Arbeitsstelle war es ziemlich weit. Zur Arbeitsstelle mussten wir mit der
Kleinbahn fahren, welche wir gebaut hatten. Die Häftlinge fuhren in kleinen eisernen Loren. In
jeder Lore mussten 24 Mann sitzen und die Leute lagen einer auf dem anderem. Beim Fahren
wurden manchmal 3-4 Loren umgeschlagen und dabei brachen sich viele Häftlinge die Beine und
Arme – manche waren sofort tot.
Viele Häftlinge wollten von diesem furchtbaren Ort fliehen. Aber alle wurden wieder gefangen und
danach erhängt. An einem Abend nach einem Appell mussten wir bei der Erhängung einer
Todesstrafe anwesend sein. Alle Kameraden starben standhaft. Alle verfluchten den Faschismus vor
dem Tod. Unweit des Nordlagers, kaum vier Kilometer nördlich von Ohrdruf, war eine Grube
ausgehoben worden, in der 3500 Leichen verscharrt wurden: Deutsche, Russische, Polnische,
Französische, Jüdische, Ungarische und Häftlinge weiterer Nationen. Zuvor aber ‚bearbeitete’ die
SS die Leichen. Wenn es im Mund eines Toten goldene Zähne gab, zog man sie mit einer Zange.
Und wenn der Kiefer eingefroren war, dann zerschlug man ihn einfach mit einem Beil.
Mit dem Herankommen der amerikanischen Truppen an Ohrdruf haben die SS-Henker die Leichen
der Häftlinge ausgegraben, um sie auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Doch konnten sie die Spuren
der Gräueltaten nicht verstecken. Berge von ausgegrabenen Leichen blieben an der Oberfläche
liegen. Es begann die Evakuierung des Lagers. Unterernährte, erschöpfte Menschen wurden nach
Buchenwald gejagt, die Zurückgebliebenen erschossen. Das war ein Todesmarsch. Nur ein
unbedeutender Teil von uns erreichte Buchenwald. Die letzten Kilometer ging ich mit zwei Stöcken,
weil ich ganz krank war und auf rechtem Bein ein großes Geschwür hatte. Wir erreichten
Buchenwald und die deutschen Kameraden hatten mich gerettet. Wie ich überlebt hatte – weiß ich
nicht selbst zu sagen.
Diese grausame Geschichte des Außenkommandos S III werden die überlebenden Augenzeugen
nie vergessen! Dies ist mittlerweile 60 Jahre her und damals war ich gerade 17 Jahre alt. Deshalb
will ich mich heute an die Jugend wenden: Liebe Freunde! Die Zukunft gehört Ihnen und Sie
müssen gegen Faschismus, Nazismus und Terrorismus entscheidend kämpfen, damit es auf dieser
Erdkugel niemals wieder Krieg gibt! Sie müssen den Frieden bewahren! Aber die Gefahr existiert
wie früher auch jetzt und wir müssen alle jederzeit aufpassen.“