„Begegnung“ - Figurengruppen aus Beton

Im Schuljahr 2024/25 entstanden im Rahmen des Projekts „Pfad des Gedenkens“ am Gymnasium Gleichense eindrucksvolle Figurengruppen aus Beton, die an die Opfer des nationalsozialistischen Außenlagers S III Ohrdruf erinnern. Jede Figurengruppe besteht aus drei bis fünf Menschen hohen Betonskulpturen, die sich durch eine kraftvolle, reduzierte Formensprache auszeichnen. Ein Betonsockel, eine Metallstele und ein darauf ruhender Betonquader mit zwei sich gegenüberliegenden Reliefs bilden das charakteristische Grundgerüst jeder einzelnen Plastik.


Inspiriert wurden die Arbeiten von Biografien ehemaliger Häftlinge, die die Schüler*innen in intensiver Recherche erarbeiteten. Die daraus entstandenen Gesichtsreliefs bringen das Leid, den Schmerz, aber auch die Würde der Opfer zum Ausdruck. Trotz ihrer abstrakten Gestaltung lassen die Gesichter menschliche Züge erkennen – sie mahnen eindrücklich, ohne zu individualisieren, und stehen damit stellvertretend für die zehntausenden Menschen, die in das Lager S III verschleppt, entrechtet und unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit gezwungen wurden.


Durch ihre bewusst reduzierte Formensprache regen die Plastiken zur Auseinandersetzung an – sie ermöglichen eine „Begegnung“ mit der Vergangenheit und öffnen einen Raum für Empathie. Diese Figurengruppen werden an den Orten des Außenlagers S III errichtet – dem ehemaligen Lagergelände auf dem Truppenübungsplatz, der Munitionswaffenfabrik, dem Jonastal und Espenfeld – und so einen sichtbaren Pfad des Gedenkens schaffen.

Historischer Hintergrund

Während des Zweiten Weltkriegs ließ die SS bei Crawinkel eine unterirdische Munitionsfabrik errichten. Für den Bau wurden KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit gezwungen und arbeiteten unter unmenschlichen Bedingungen, die viele nicht überlebten. Die Anlage steht heute als stilles Zeugnis für die Verbrechen der NS-Zeit.

Biografien ehemaliger Häftlinge

Wiktor Wyschesławskij

Wiktor Wyschesławskij, 1927 geboren, wurde 1944 ins Lager S III deportiert und überlebte den Todesmarsch.
Wiktor Wyschesławskij (1927-unbekannt)

Wiktor Wyschesławskij wurde am 13. Februar 1927 in Nikolajew ind der Ukraine
geboren. Er entstammte einer russischen Familie, war orthodoxen Glaubens und
arbeitete als Elektrotechniker. Nach deutscher Besetzung der Ukraine kam er als
Zwangsarbeiter nach Suhl.

Er wurde als Jugendlicher in Suhl verhaftet, weil er ausländische Radiosender
abgehört hatte – im NS-Staat ein politischer Vorwurf, der häufig zur sofortigen
Einweisung in ein Konzentrationslager führte. Nach seiner Festnahme kam er in das
KZ Buchenwald und erhielt dort die Häftlingsnummer 24 797. Bei seiner
Registrierung im Lager wurde er als schlank, 165 cm groß, mit dunklem Haar und
schmalem Gesicht beschrieben.

Am 27. November 1944 wurde er in das Außenlager S III / Ohrdruf überstellt und
dort unter der Häftlingsnummer 106 762 registriert. Er gehörte damit zu den
jüngsten Häftlingen, die in diesem Lager zur Zwangsarbeit herangezogen wurden.

Wiktor Wyschesławskij überlebte den Todesmarsch zurück nach Buchenwald.

Die nachfolgenden Erinnerungen stammen aus einer Rede von ihm anlässlich der Gedenkveranstaltung am
7. November 2004 in Espenfeld zum 60. Jahrestag des Baubeginns, Festgehalten von Klaus- Peter
Schambach:

 

„Im November 1944 wurde ich von Buchenwald nach Ohrdruf zum Kommando S III transportiert.
So hieß das Buchenwalder Außenkommando, in dem in fünf Monaten 3500 Menschen ums Leben
gebracht worden waren. In dieser Zeit mussten die Häftlinge in einem Berg ein großes
unterirdisches Werk errichten. Die Lebensbedingungen waren unmenschlich. Innerhalb von 5
Monaten konnten wir uns im Lager nicht waschen. Es gab kein Bad. Es wimmelte von Läusen, der
Typhus wütete. Kranke wurden in separate Blocks gebracht, in denen sie lediglich nackt auf dem
Stroh lagen und einen qualvollen Tod starben. Die Arbeiten wurden im Zeitraum von November bis
April unter schwersten, klimatischen Bedingungen in Thüringen vorangetrieben. Hungrige
Menschen mussten spärlich bekleidet und barfuß unter Stock- und Kolbenschlägen der SS-Leute
den steinigen Boden hacken. Wir mussten den ganzen Tag bis spät in den Abend pausenlos
arbeiten. Vom Lager bis zur Arbeitsstelle war es ziemlich weit. Zur Arbeitsstelle mussten wir mit der
Kleinbahn fahren, welche wir gebaut hatten. Die Häftlinge fuhren in kleinen eisernen Loren. In
jeder Lore mussten 24 Mann sitzen und die Leute lagen einer auf dem anderem. Beim Fahren
wurden manchmal 3-4 Loren umgeschlagen und dabei brachen sich viele Häftlinge die Beine und
Arme – manche waren sofort tot.
Viele Häftlinge wollten von diesem furchtbaren Ort fliehen. Aber alle wurden wieder gefangen und
danach erhängt. An einem Abend nach einem Appell mussten wir bei der Erhängung einer
Todesstrafe anwesend sein. Alle Kameraden starben standhaft. Alle verfluchten den Faschismus vor
dem Tod. Unweit des Nordlagers, kaum vier Kilometer nördlich von Ohrdruf, war eine Grube
ausgehoben worden, in der 3500 Leichen verscharrt wurden: Deutsche, Russische, Polnische,
Französische, Jüdische, Ungarische und Häftlinge weiterer Nationen. Zuvor aber ‚bearbeitete’ die
SS die Leichen. Wenn es im Mund eines Toten goldene Zähne gab, zog man sie mit einer Zange.
Und wenn der Kiefer eingefroren war, dann zerschlug man ihn einfach mit einem Beil.
Mit dem Herankommen der amerikanischen Truppen an Ohrdruf haben die SS-Henker die Leichen
der Häftlinge ausgegraben, um sie auf Scheiterhaufen zu verbrennen. Doch konnten sie die Spuren
der Gräueltaten nicht verstecken. Berge von ausgegrabenen Leichen blieben an der Oberfläche
liegen. Es begann die Evakuierung des Lagers. Unterernährte, erschöpfte Menschen wurden nach
Buchenwald gejagt, die Zurückgebliebenen erschossen. Das war ein Todesmarsch. Nur ein
unbedeutender Teil von uns erreichte Buchenwald. Die letzten Kilometer ging ich mit zwei Stöcken,
weil ich ganz krank war und auf rechtem Bein ein großes Geschwür hatte. Wir erreichten
Buchenwald und die deutschen Kameraden hatten mich gerettet. Wie ich überlebt hatte – weiß ich
nicht selbst zu sagen.
Diese grausame Geschichte des Außenkommandos S III werden die überlebenden Augenzeugen
nie vergessen! Dies ist mittlerweile 60 Jahre her und damals war ich gerade 17 Jahre alt. Deshalb
will ich mich heute an die Jugend wenden: Liebe Freunde! Die Zukunft gehört Ihnen und Sie
müssen gegen Faschismus, Nazismus und Terrorismus entscheidend kämpfen, damit es auf dieser
Erdkugel niemals wieder Krieg gibt! Sie müssen den Frieden bewahren! Aber die Gefahr existiert
wie früher auch jetzt und wir müssen alle jederzeit aufpassen.“

Ignac Abrahamowicz

Ignac Abrahamowicz, ungarischer Jude, wurde 1944 ins Außenlager S III verlegt und dort eindeutig registriert.
Ignac Abrahamowicz (1921-unbekannt)

Ignac Abrahamowicz wurde am 11. März 1921 in Ungarn geboren und arbeitete vor seiner Verhaftung als Schneider. Am 13. November 1944 wurde er von der Sicherheitspolizei Wien festgenommen und als „ungarischer Jude“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen als Häftling Nummer 99501 eingeliefert. Kurz darauf erfolgte seine Überstellung in das KZ Buchenwald, wo er die Häftlingsnummer 102008 erhielt.

Bereits wenige Tage später, am 24. November 1944, wurde er in das neu errichtete Außenlager S III / Ohrdruf verlegt. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 116088, die in mehreren originalen Häftlingskarten eindeutig dokumentiert ist. Seine Personal-, Effekten-, Arbeits- und Revierkarten belegen lückenlos seine Registrierung und seinen Aufenthalt im Lagerkomplex.

Die überlieferten Dokumente machen Abrahamowicz heute zu einem nachweisbaren Häftlinge des Außenlagers S III. Seine Biografie steht stellvertretend für die späten Deportationen ungarischer Jüdinnen und Juden im Jahr 1944 und für die Geschichte des Lagerkomplexes im Raum Ohrdruf und Jonastal.

Fred Wander

Fred Wander wurde 1945 ins Lager S III gebracht und verarbeitete dies später literarisch.
Fred Wander (1917-heute)

Fred Wander (geboren als Fritz Rosenblatt, 5. Januar 1917 in Wien) war ein österreichisch-jüdischer Schriftsteller und einer der wichtigen Zeugen der nationalsozialistischen Verfolgung. Er wurde 1942 verhaftet und in mehrere Konzentrationslager deportiert, darunter Auschwitz und Groß-Rosen. In den letzten Kriegsmonaten am 7. März 1945 wurde Fred Wander in das Außenlager S III des KZ Buchenwald überstellt, wo er laut Häftlingskarte die Nummer 134110 erhielt. Wander überlebte das Lager und verarbeitete seine Erfahrung später literarisch. In seinem bekannten Werk „Der siebente Brunnen“ beschreibt er eindringlich die Bedingungen der Deportation, den Alltag in den Lagern sowie seine Zeit im Raum Crawinkel/Ohrdruf. Diese Erinnerungen zählen heute zu den bedeutendsten literarischen Zeugnissen über die NS-Zwangslager.

Für das Projekt „Pfad des Gedenkens“ ist Fred Wander von besonderer Bedeutung, weil er einer der wenigen Überlebenden ist, der explizit über die Zustände im Außenlager S III, über Crawinkel und die letzten Kriegswochen berichtet hat. Seine Schilderungen machen die historischen Orte der heutigen MUNA zu zentralen Erinnerungsorten und geben den Schülerinnen und Schülern eine unmittelbare Verbindung zur Geschichte des Ortes.

Ernest Pollak

Ernest Pollak, ungarischer Jude, wurde 1945 ins Lager S III eingeliefert und erhielt die Nummer 110 443.
Ernest Pollak (1892-unbekannt)

Ernest Pollak wurde am 5. März 1892 geboren und war ein ungarischer Jude, der von den nationalsozialistischen Behörden als politischer Häftling eingestuft wurde. Am 20. Januar 1945 wurde er in das Außenlager S III / Ohrdruf des KZ Buchenwald eingeliefert und erhielt dort die Häftlingsnummer 110 443. In den Unterlagen ist vermerkt, dass er bei seiner Einlieferung eine Taschenuhr bei sich trug.

Benjamin Gelhorn

Benjamin Gelhorn überlebte als Einziger seiner Familie Ghettos und Lager und wurde 1945 in Buchenwald befreit.
Benjamin Gelhorn (1922-unbekannt)

Benjamin Gelhorn wurde am 10. Dezember 1922 in Łódź, Polen, geboren. Er wuchs in Łódź auf und erlebte als Jugendlicher die deutsche Besetzung Polens. Bereits 1939 wurde er mit seiner Familie in das Ghetto Łódź deportiert. Dort herrschten extreme Lebensbedingungen: Hunger, Enge und Zwangsarbeit prägten den Alltag. Fast seine gesamte Familie kam in der Schoah ums Leben; Gelhorn blieb als einziger Überlebender.

Nach mehreren Jahren im Ghetto wurde er in verschiedene Arbeitslager geschickt, unter anderem in Posen, wo er Felder entwässern und Kanäle bauen musste. Ende 1942 wurde er nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er die Häftlingsnummer 142 906 erhielt. Zwei Jahre lang musste er dort Zwangsarbeit leisten, unter ständiger Lebensgefahr durch Selektionen.

Später folgten Transporte in das KZ Stutthof, KZ Echterdingen, das KZ Natzweiler sowie in die Außenlager Ohrdruf / S III und Crawinkel, die zum KZ-Buchenwald-Komplex gehörten. In der Muna Crawinkel erlitt er bei harter Zwangsarbeit mit schweren Zementsäcken einen Unterschenkelbruch, der ihn lebenslang behinderte. Am 25. Januar 1945 ist auf seiner Häftlingskarte das S III und die Nummer 86 067 vermerkt, ein entscheidender Beleg für seine Zugehörigkeit zu diesem Außenlager.

Benjamin Gelhorn berichtete, dass die Arbeit in den Außenlagern von Hunger, Kälte und ständiger Erschöpfung geprägt war. Häftlinge mussten Bombentrichter ausheben, Tote bergen und auf Bauernhöfen der Umgebung arbeiten – oft erhielten sie nur dünne Suppe als Nahrung. Seine Zeugnisse geben einen seltenen Einblick in die Lebensrealität der Häftlinge vom Aussenlager S III und zeigen die persönlichen Schicksale hinter den historischen Zahlen.

Am 11. April 1945 wurde Benjamin Gelhorn in Buchenwald von der US-Armee befreit. Nach dem Krieg arbeitete er zunächst für die US-Armee in Landsberg, wanderte nach Israel aus, kehrte jedoch wegen gesundheitlicher Probleme nach Deutschland zurück. Er lebte in München, teils in großer Armut, blieb aber geistig rege und bereit, Zeugnis abzulegen.

Andrej Sikalo

Andrej Sikalo, Häftling des Lagers S III, starb 1945 und ist am Bismarckturm bei Buchenwald bestattet.
Andrej Sikalo (1913-1945)

Andrej Sikalo wurde am 11. Juli 1913 im Ort Sosow geboren und war von Beruf Schneider. Er war Russe und wurde am 15. Januar 1945 in das Außenlager S III / Ohrdruf des KZ Buchenwald eingeliefert, wo er die Häftlingsnummer 110 932 erhielt.
Nach Kriegsende starb er am 18. Mai 1945. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof am Bismarckturm bei Buchenwald, Reihengrab D, wo er namentlich als Opfer dokumentiert ist.